Montag, 9. März 2009

Ganz Ihrer Meinung

Lieber Herr Kittel,

verzeihen Sie, dass ich Ihnen erst heute antworte. Meine verschiedenen Projekte lassen leider keine schnelleren Antwortzeiten zu.

Ihre Aussage, dass die geistige Entwicklungsfähigkeit des Menschen sich zusammen mit seiner Konzentrationsfähigkeit entwickelt hat, klingt einleuchtend. Auch Ihre These, dass die Aufmerksamkeitsweitstellung in der Frühzeit des Menschen für das Leben in der Natur die optimale Lösung war, ist nicht von der Hand zu weisen.

Auch den Übergang von der ursprünglichen Aufmerksamkeitshaltung des Menschen zur Konzentration erklären Sie sehr anschaulich und glaubhaft. Ebenso, wie Sie die Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen und die damit verbundene geistig-seelische Entwicklung schildern.

Sehr klar und evident stellen sie auch die Bedeutung der Sprache in der Geistes- und Kulturgeschichte der Menschheit heraus. So evident, dass ich Ihnen auch hier ohne Problem folgen kann und gespannt bin, was Sie weiter ausführen.

Donnerstag, 26. Februar 2009

Worte als Anfang kultureller Entwicklung

Hier meine versprochene Ergänzung, liebe Frau Simon.
Kurz rekapituliert: ich habe die Vorstellung entwickelt, dass die geistige Entwicklung der Menschheit mit der Entwicklung von "Konzentrationsfähigkeit" einher gegangen sein muss. Konzentration ist eine bemerkenswerte Angelegenheit. Sie besteht erstens in einer Einengung oder Beschränkung von Aufmerksamkeit und ist zweitens nicht ohne eine gewisse Anstrengung zu haben. In beiderlei Hinsicht stellt sie eine Art Gegensatz oder den Gegenpol zu der weit offenen und breiten Einstellung entspannter Aufmerksamkeit dar, die hier mit "Achtsamkeit" gemeint ist. (Im Unterschied und in Abgrenzung zur Verwendung dieses Begriffes in der Alltagssprache, in der er lediglich zur Bezeichnung von erhöhter und gezielter Aufmerksamkeit etwa in Form bewussten Achtgebens dient!) 

Von dieser Aufmerksamkeits w e i t stellung vermute ich, dass sie - als für das hoch riskante Leben in freier Natur optimale Einstellung - die ursprüngliche Aufmerksamkeitseinstellung früher Menschen gewesen sein dürfte. Erst Veränderung ihrer Lebensbedingungen in Richtung zunehmender Geschütztheit können Ausmaß und Notwendigkeit ihrer Aufrechterhaltung reduziert haben, insbesondere seit der Sesshaftwerdung, mit der Menschen begannen, in selbst geschaffenen und abgesicherten Behausungen zu leben. 

Lange vor der Sesshaftwerdung müssen aber schon andere Elemente der Kulturentwicklung wie etwa Bau und Pflege von Gerätschaften, die Entwicklung, Einübung und Vermittlung dazu nötiger handwerklicher und sozialer Techniken usw. zunehmend mehr die konzentrierte Beachtung von Einzelheiten der eigenen Lebensführung erforderlich gemacht haben. Mit der Zeit dürften deswegen selbst Kindern zunehmend mehr geistige Anstrengungen abverlangt worden sein. Mit der Sesshaftwerdung dürften die Anforderungen noch eine Steigerung erfahren haben; war doch für ein erträgliches Zusammenleben in Gemeinschaften weit über die natürliche Familien- und Hordengröße hinaus nötig, eine kontrollierte und sozial verträgliche Selbststeuerungsfähigkeit zu entwickeln.

Bewusste Selbststeuerung stellt aber noch weit höhere geistige Anforderungen. Sie werden aus eigener Erfahrung gerade als Schriftstellerin wissen, dass jede derartige geistige Tätigkeit, die als Eigentätigkeit nicht nur selbst begonnen,, sondern vor allem in den weiteren Schritten auch weiter genau beachtet werden muss, einen hochgradige und aktive Kontrolle erfordert. Diese kann nur ausgeübt werden, wenn man fähig ist, seine Aufmerksamkeit willkürlich nach "innen" auf die flüchtigen Vorstellungen zu richten, mit denen man dabei hantiert. Von Natur her haben wir dazu nur geringe Voraussetzungen; Kinder benötigen selbst bei gezielter Schulung weit über ein Jahrzehnt, um zu lernen, ihre von Natur aus und damit von Geburt an
nach außen auf die Wahrnehmung der Umwelt gerichtet Aufmerksamkeit zuverlässig und vor allem gezielt auf ihre Selbstwahrnehmung, also ihr Eigenerleben zu richten und dabei gezielt auf ihre zunächst spontanen
Denkvorgänge zu achten, die sie selbst zu steuern lernen sollen.

Denken an sich ist relativ schnell und mühelos, jedenfalls in der spontanen, willentlich nicht kontrollierten Form, die fachpsychologisch assoziatives Denken genannt wird. Fast noch schneller werde Spontanerinnerungen und Einfälle erlebt, die dafür allerdings besonders flüchtig sind. Deswegen sind wir übrigens zu der enormen Schnelligkeit beim gewöhnlichen Sprechen und Hören fähig, obwohl jedes einzelne sprachliche Elemente eine Bedeutung hat, an die wir beim Hören wenigsten einen winzigen Moment lang denken müssen, wenn wir schon Worte und erst recht ganze Sätze und Texte "verstehen" wollen. Anstrengend wird sprachlich vermitteltes, also "logisches" Denken allerdings dann, wenn wir uns darauf absichtlich konzentrieren müssen, um es kontrollieren zu können. 

In diesem Zusammenhang erhält für mich als Psychologe der Beginn des Johannes-Evangeliums besondere Bedeutung. "Am Anfang war das Wort", heißt es dort - doch ohne eine Andeutung einer Antwort auf die Frage: Am Anfang von was standen eigentlich Worte?! 

Wenn ich das richtig sehe, standen Worte am Anfang selbst gestalteter Sozialkultur, stand Sprache am Anfang gemeinsam geteilter und gestalteter Lebens- und irgendwann auch gemeinsamer Vorstellungswelten, standen Worte also am Anfang der Entwicklung eines gemeinsam geteilten Bewusstseins, kurz: Worte standen am Anfang der menschlichen Bewusstseinsentwicklung.* 

Der epochale Schritt der Sprachentwicklung wurde möglich, weil irgendwann in der Menschheitsgeschichte Lautfolgen in assoziative Verbindung und gedächtnismäßig verankerte Bindung mit Erinnerungen kamen. Erinnerungen sind psychologisch gesehen "Vorstellungen". Diese sind wiederum die Grundelemente und damit Grundlage allen Denkens. Darauf deutet die Doppeldeutigkeit unseres Begriffes "Gedächtnis": als Wort ist es von 'gedacht' abgeleitet; sachlich ist es dagegen auf unsere Merkfähigkeit bezogen, die ihrerseits aber eigentlich die Voraussetzung unserer Erinnerungsfähigkeit darstellt und in der Tatsache besteht, dass sich alles Erlebte mit dem Erleben und Wahrnehmen auch immer von selbst un unvermeidlich "einprägt".

Die Folgen sind bekannt: Mit eingeübten Lautfolgen können wir uns seitdem gegenseitig zu allen "denkbaren" Vorstellungen animieren, zu Gedankenspielen anregen, zum Denken auffordern und vernünftiges Denken fordern. Wie spontane Einfälle, Erinnerungen und Phantasien haben Worte jedoch einen zwar unmerklichen, aber besonderen, den immer gleichen und in der Kumulation sich unablässig verstärkenden besonderen Effekt, dass sie uns von der achtsamen Wahrnehmung und aufmerksamen Beobachtung der uns umgebenden Welt mehr oder weniger ablenken und uns stattdessen anregen, uns mehr mit geistigen Vorstellungen oder inneren Bildern zu beschäftigen: mit Erinnerungen aus einer nicht mehr vorhandenen Vergangenheit oder ausgedachten Vorstellungen, die wir gerne für die Zukunft halten. 

Worte standen also am Anfang unserer kulturellen Entwicklung, die uns immer weiter sozial verband - bis zur heute umfassenden Globalität. Worte stehen aber auch "am Anfang" unserer Abwendung und zunehmende geistigen Vernachlässigung der uns überall umgebenden Natur und Wirklichkeit, "am Anfang" geistiger Einengung auf selbst erschaffene und immer weiter ausgestaltete ganze Vorstellungswelten "im Kopf" – "jenseits" jener unendlich umfassenderen Wirklichkeit, "in" der wir realiter leben. 
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* Julian Jaynes "Der Ursprung des Bewusstseins." Rowohlt TB, Reinbek 1993
(Sachbuch 9529) s.a. 
http://www.integraleweltsicht.de/Veranstaltungen/Kittel.pdf 

Sonntag, 2. November 2008

Einverstanden

Lieber Herr Kittel,

danke Ihnen, dass Sie das Missverständnis aufgeklärt haben. Ich bin ganz auf Ihrer Linie und freue mich, bald mehr von Ihnen zu lesen.

Klärung eines Missverständnisses

Liebe Frau Simon,

Sie warnen völlig zu Recht vor einem anthropomorphen und dabei auch noch wertenden Denken. Ich will deswegen vorab ein Missverständnis klären, zu dem ich offenbar Anlass gegeben habe. Mit meinem unbestimmten Hinweis darauf, ein "Teil" unserer geistig genannten Fähigkeiten sei "einzigartig" (nämlich unser sog. "Vorstellungsvermögen"*, das uns, neben vielem anderen wie Sprache, Wissen und Phantasie bekanntlich die Erfindung ganzer geistiger "Welten" ermöglicht: Sie haben mit der Erwähnung von "Glaubensfragen" darauf angespielt) habe ich keineswegs sagen wollen, wir Menschen wären deswegen anderen Lebenwesen überlegen, wie Sie schreiben. Im Gegenteil!

In unserer sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit, an die Sie selbst offenbar gedacht haben, sind wir Tieren teilweise geradezu hoffnungslos unterlegen, um bei diesem fast wertenden Vergleichen zu bleiben. Aus diesen und vielen anderen Gründen (wir sind ja unzähligen Tieren auch körperlich nicht gewachsen) hat der Philosoph Arnold Gehlen einst gemeint, den Menschen ganz unbiologisch als "Mängelwesen" charakterisieren zu dürfen.

Sogar unser ganzer Stolz: unsere Fähigkeit, uns alles Mögliche ausdenken und kombinieren zu können, ist eine sehr zwiespältige Angelegenheit; kann selbst sie uns doch zum Nachteil gereichen, etwa dann, wenn wir bei unserem Denken und Handeln von unrealistischen Vorstellungen ausgehen. Deswegen wird, so meine ich, auch das vielleicht berühmteste Symbol für unser Denkvermögen - der "Baum der Erkenntnis" in der alttestamentarischen Paradieserzählung - an allen Stellen, an denen er dort erwähnt wird, stets ausdrücklich als der "Baum der Erkenntnis des Guten UND Schlechten" gekennzeichnet!

Hinsichtlich unseres Themas habe ich wie Sie den Eindruck, dass sinnlich hochempfindsame Tiere "von Natur aus", d. h. von ihren Eigenarten her, weitaus aufmerksamer sind als wir Menschen. Wenn ich das richtig sehe, müssen sie das auch sein. Leben sie doch anders als wir in der freien Natur, in der zur ständigen Orientierung und vor allem zur frühzeitigen Wahrnehmung von Gefahren ein weithin offenes Achtgeben unabdingbar, weil lebensnotwendig ist.

Ich denke mir deswegen manchmal, dass "von Natur aus" auch bei uns Menschen die mit "Achtsamkeit" gemeinte panoramaartige Weitstellung der Aufmerksamkeit vor der Sesshaftwerdung möglicherweise, wenn nicht sogar wahrscheinlich die ursprüngliche und deswegen auch für uns eigentlich "natürliche" Aufmerksamkeitshaltung war.

Möglich, dass wir durch "Achtsamkeitsmeditation" lediglich einen Naturzustand wieder gewinnen, der bei der zunächst langsamen und seitdem zunehmend schnelleren Kulturentwicklung immer weniger nötig war und deshalb verkümmert ist, während gleichzeitig eine andere geistige Fähigkeit immer mehr erforderlich und dementsprechend entwickelt und gepflegt wurden: die Nutzung unserer Vorstellungsfähigkeit etwa zum Denken und Planen!

Dieser geistige "Umschwung" muss psychologisch eine interessante Folge gehabt haben, nämlich eine Umstellung in der "natürlichen" nach außen in die Umwelt gerichteten Aufmerksamkeitseinstellung hin zur Entwicklung der Fähigkeit zur Konzentration nach "innen". Zur Erläuterung muss ich allerdings ein klein wenig "ausholen". Ich werde Ihnen deswegen noch einen weiteren Teil meiner Antwort auf Ihr letztes Posting schicken.

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* siehe Colin McGinn "Das geistige Auge – Von der Macht der Vorstellungskraft." Primus, Darmstadt 2007

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Aufmerksamkeit: Eine Gabe menschlicher Überlegenheit?

In seinem Artikel "Das Wunder der Aufmerksamkeit" schreibt Ingo-Wolf Kittel weiter:

Nur eines sind unsere »geistigen« Fähigkeiten offensichtlich nicht: Sie sind auf keinen Fall »übernatürlich«. Gerade diese, unsere geistigen Fähigkeiten gehören sogar in besonderer Weise zu unserer Natur als Menschen, zu unserem Wesen. Das will sagen: Sie sind für uns wesentlich und von ganz besonderer Wichtigkeit. In wissenschaftlich immer noch nicht ausreichend geklärter Hinsicht sind unsere geistigen Fähigkeiten zum Teil sogar einzigartig für uns als Menschen; befähigen sie uns doch zu Leistungen, zu denen andere Säugetiere gar nicht oder nicht in diesem Ausmaß imstande sind.

Ingo-Wolf Kittel zählt hier die Achtsamkeit zu unseren geistigen Fähigkeiten. Im Prinzip stimme ich ihm da zu. Sicher ist die Achtsamkeit eine in erster Linie geistige Fähigkeit. Dennoch kann man fragen, ob nicht auch seelische Vorgänge dabei beteiligt sind: Was löst die Achtsamkeit aus? Welche Wirkung hat die Achtsamkeitsmeditation auf den Menschen? Nur geistige? Nicht auch seelische, die sich auf seinen Charakter, auf sein ganzes Sein auswirken?

Ebenfalls richtig liegt Ingo-Wolf Kittel, wenn er die "Übernatürlichkeit" der Aufmerksamkeit bestreitet und sagt, dass sie nichts mit göttlichen Dingen, sondern mit der Natur des Menschen zu tun hat. Die Streitfrage ist lediglich: Wer ist für die Natur des Menschen verantwortlich - die Evolution oder Gott? Das ist eine Glaubensfrage, die hier nicht zu entscheiden ist.

Sicher ist für denjenigen, der die Achtsamkeit in sein Leben integriert hat, diese Fähigkeit von eminenter Wichtigkeit. In seinem letzten Satz sitzt Ingo-Wolf Kittel meines Erachtens jedoch der westlichen Denktradition auf, die anthropozentrisch, also auf den Menschen ausgerichtet ist, ihn als Krone der Schöpfung sieht - oder atheistisch gewendet als besonderes Säugetier. Sicher ist er das. Ob er das jedoch auf dem Gebiet der Achtsamkeit ist, kann bezweifelt werden.

Wer hat denn wissenschaftlich 100prozentig gesichert, dass nicht auch die Tiere Achtsamkeit kennen? Vielleicht trainieren Tiere ihre Achtsamkeit viel bewusster als wir Menschen - etwa wenn sie auf Jagd sind. Man braucht sich nur einen Eisbären im endlosen Gebirge von Schnee und Eis vorzustellen, um zu wissen, was ich meine. Wie könnte er ohne die Fähigkeit der Achtsamkeit die Spur seines Opfers finden? Und so viele Tiere dieser Erde. Ich will nicht behaupten, dass die Achtsamkeit von Tieren die gleiche Fähigkeit wie die Achtsamkeit von Menschen ist, aber ausschließen kann ich es auch nicht. Darüber wissen wir einfach zu wenig.

Zu schreiben, dass unsere geistigen Fähigkeiten uns zu Leistungen befähigen, die denen von Tieren überlegen sind, ist sicher richtig. Andererseits müssen Tiere geistige Fähigkeiten haben, die der von uns Menschen weit überlegen sind, weil sie viele Dinge können, zu denen wir nicht fähig sind. Ich nenne einmal nur die Intuition von Tieren, die Hunde- oder Katzenbesitzer oft erleben und die auch sonst im Tierreich verbreitet zu sein scheint.

Ich will damit nur sagen: Wir sitzen immer noch unserem ererbten Anthropozentrismus auf, wenn wir über geistige Fähigkeiten nachdenken. Gläubige wie Ungläubige. Dass das Glaubende eigentlich nie hätten tun dürfen, wird in der Geheimen Offenbarung klar, die davon spricht, dass auch die Tierwelt wie die Menschenwelt in die Erlösung bei Gott hineingenommen ist. Für mich der Beweis, dass - um in den Worten der Bibel zu sprechen - Gott auch den Tieren Geist und Seele gegeben hat.