Liebe Frau Simon,
Sie warnen völlig zu Recht vor einem anthropomorphen und dabei auch noch wertenden Denken. Ich will deswegen vorab ein Missverständnis klären, zu dem ich offenbar Anlass gegeben habe. Mit meinem unbestimmten Hinweis darauf, ein "Teil" unserer geistig genannten Fähigkeiten sei "einzigartig" (nämlich unser sog. "Vorstellungsvermögen"*, das uns, neben vielem anderen wie Sprache, Wissen und Phantasie bekanntlich die Erfindung ganzer geistiger "Welten" ermöglicht: Sie haben mit der Erwähnung von "Glaubensfragen" darauf angespielt) habe ich keineswegs sagen wollen, wir Menschen wären deswegen anderen Lebenwesen überlegen, wie Sie schreiben. Im Gegenteil!
In unserer sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit, an die Sie selbst offenbar gedacht haben, sind wir Tieren teilweise geradezu hoffnungslos unterlegen, um bei diesem fast wertenden Vergleichen zu bleiben. Aus diesen und vielen anderen Gründen (wir sind ja unzähligen Tieren auch körperlich nicht gewachsen) hat der Philosoph Arnold Gehlen einst gemeint, den Menschen ganz unbiologisch als "Mängelwesen" charakterisieren zu dürfen.
Sogar unser ganzer Stolz: unsere Fähigkeit, uns alles Mögliche ausdenken und kombinieren zu können, ist eine sehr zwiespältige Angelegenheit; kann selbst sie uns doch zum Nachteil gereichen, etwa dann, wenn wir bei unserem Denken und Handeln von unrealistischen Vorstellungen ausgehen. Deswegen wird, so meine ich, auch das vielleicht berühmteste Symbol für unser Denkvermögen - der "Baum der Erkenntnis" in der alttestamentarischen Paradieserzählung - an allen Stellen, an denen er dort erwähnt wird, stets ausdrücklich als der "Baum der Erkenntnis des Guten UND Schlechten" gekennzeichnet!
Hinsichtlich unseres Themas habe ich wie Sie den Eindruck, dass sinnlich hochempfindsame Tiere "von Natur aus", d. h. von ihren Eigenarten her, weitaus aufmerksamer sind als wir Menschen. Wenn ich das richtig sehe, müssen sie das auch sein. Leben sie doch anders als wir in der freien Natur, in der zur ständigen Orientierung und vor allem zur frühzeitigen Wahrnehmung von Gefahren ein weithin offenes Achtgeben unabdingbar, weil lebensnotwendig ist.
Ich denke mir deswegen manchmal, dass "von Natur aus" auch bei uns Menschen die mit "Achtsamkeit" gemeinte panoramaartige Weitstellung der Aufmerksamkeit vor der Sesshaftwerdung möglicherweise, wenn nicht sogar wahrscheinlich die ursprüngliche und deswegen auch für uns eigentlich "natürliche" Aufmerksamkeitshaltung war.
Möglich, dass wir durch "Achtsamkeitsmeditation" lediglich einen Naturzustand wieder gewinnen, der bei der zunächst langsamen und seitdem zunehmend schnelleren Kulturentwicklung immer weniger nötig war und deshalb verkümmert ist, während gleichzeitig eine andere geistige Fähigkeit immer mehr erforderlich und dementsprechend entwickelt und gepflegt wurden: die Nutzung unserer Vorstellungsfähigkeit etwa zum Denken und Planen!
Dieser geistige "Umschwung" muss psychologisch eine interessante Folge gehabt haben, nämlich eine Umstellung in der "natürlichen" nach außen in die Umwelt gerichteten Aufmerksamkeitseinstellung hin zur Entwicklung der Fähigkeit zur Konzentration nach "innen". Zur Erläuterung muss ich allerdings ein klein wenig "ausholen". Ich werde Ihnen deswegen noch einen weiteren Teil meiner Antwort auf Ihr letztes Posting schicken.
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* siehe Colin McGinn "Das geistige Auge – Von der Macht der Vorstellungskraft." Primus, Darmstadt 2007